Ursel Braun

Die faszinierende Kunst aus Papier und Kleidung von Astrid Konradt-Bock

Über die Ausstellung „untragbar!“ - Objekte aus Papier und Draht, Zeichnungen und Acrylmalerei in der Produzentengalerie Bielefeld, 9. Oktober bis 7. November 2026

Manchmal stolpert man zufällig über etwas, das einen sofort in seinen Bann zieht. Genau so ging es mir, als ich an der Produzenten-Galerie in Bielefeld vorbeikam. Hinter dem großen Fenster entdeckte ich zwei ungewöhnliche Objekte, die mich auf Anhieb faszinierten. Formen, die an Kleider und Oberteile erinnerten, filigrane Strukturen, überraschende Materialien – und eine Ästhetik, die mich neugierig machte.

Ich blieb stehen und betrachtete die Arbeiten genauer. Was ich sah, erinnerte an Mode, war aber doch so viel mehr. Die Objekte wirkten poetisch und eigenwillig, vertraut und fremd zugleich. Wie konnte aus Papier eine solche Ausdruckskraft entstehen? Und welche Geschichten steckten hinter diesen außergewöhnlichen Formen?

Ich wollte mehr erfahren und lernte die Künstlerin Astrid Konradt-Bock kennen. Im Gespräch mit ihr wurde schnell klar, dass hinter der Ausstellung „untragbar!“ weit mehr steckt als ein Spiel mit Materialien und Silhouetten. Ihre Arbeiten erzählen von Erinnerungen, Weiblichkeit und Kindheit, von Leichtigkeit und dem Wunsch nach Abstand. Sie handeln von Dingen, die wir bewahren, weil sie zu unserer Geschichte gehören – und von Themen, bei denen es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Für mich ist diese Ausstellung deshalb auch eine Begegnung mit der Frage, was Kleidung eigentlich für uns bedeutet. Denn wie wir wissen, sind manche Stücke weit mehr als Stoff: Sie erinnern uns an Menschen, Lebensphasen und Gefühle, die uns geprägt haben.

Astrid Konradt-Bock: Wie Kleidung und Erinnerungen zu Kunst werden

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Astrid Konradt-Bock mit Kleidung und Wäschestücken. Der Ausgangspunkt für viele ihrer Arbeiten liegt in ihrer eigenen Familiengeschichte. Als sie das Elternhaus auflöste, fand sie zahlreiche Kleidungsstücke ihrer Mutter und anderer Frauen aus der Familie. Einfach wegwerfen konnte sie diese persönlichen Erinnerungsstücke nicht. Da war beispielsweise das Unterkleid ihrer Mutter, das diese unter ihrem Hochzeitskleid getragen hatte. Ein Unterrock, den der Vater seiner Frau geschenkt hatte, gehörte ebenso dazu wie eine Seidenbluse aus den 1950er-Jahren, die sich eine Großtante von ihrem Gehalt erspart hatte. Diese Kleidungsstücke erzählen von einer Zeit, in der hochwertige Stoffe kostbar waren und besondere Wäschestücke sorgfältig aufbewahrt wurden. Sie erinnern an familiäre Rituale, an Handarbeit und an die Frauen, die sie getragen haben. Auch kleine Details sind geblieben: die gestärkte weiße Sonntagsschürze der Mutter oder eine Kinderschürze mit gestickten Blümchen, die Astrid Konradt-Bock besonders geliebt hat. Die Künstlerin übersetzt solche Erinnerungen in ihre eigene künstlerische Sprache. Sie zeichnet Kleidungsstücke auf transparentes Architektenpapier, arbeitet mit Silhouetten und umhüllt ihre Arbeiten teilweise mit Seidenpapier und Satinband. So entstehen Objekte, die an kostbare Geschenke erinnern – persönliche Erinnerungen, die sie heute mit anderen Menschen teilt.

Kunst aus Papier und Draht: Wenn aus Alltagsmaterialien außergewöhnliche Objekte entstehen

Neben den biografisch geprägten Arbeiten zeigt die Ausstellung „untragbar!“ in der Produzenten-Galerie Bielefeld, wie vielseitig sich Papier als künstlerisches Material einsetzen lässt. Für einige ihrer Objekte verwendet Astrid Konradt-Bock Verpackungspapier, das ursprünglich dazu gedacht war, empfindliche Materialien beim Transport zu schützen. Was andere vermutlich achtlos entsorgen würden, wird bei ihr zum Ausgangspunkt für dreidimensionale Formen. Sie knittert und formt das Papier, heftet es zusammen und entwickelt daraus übergroße Kleidungsobjekte, die an Kleider oder Oberteile erinnern. Anschließend trägt sie vorsichtig weiße Acrylfarbe auf, um die erhabenen Strukturen hervorzuheben. Das Material wirkt auf den ersten Blick schlicht, beinahe unscheinbar. Durch die Bearbeitung erhält es jedoch eine ganz eigene Präsenz. Es entstehen Formen, die an Mode erinnern und dennoch eine völlig andere Sprache sprechen.

Astrid Konradt-Bock ist keine Modedesignerin. Ihre Objekte sind nicht dafür gedacht, getragen zu werden. Sie untersucht vielmehr, was geschieht, wenn wir vertraute Formen aus ihrem gewohnten Zusammenhang lösen und ihnen eine neue Bedeutung geben. Ihre Arbeitsweise zeigt, wie viel Kreativität darin liegt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Manchmal braucht es kein kostbares Material, sondern nur einen ungewöhnlichen Blick auf das, was bereits vorhanden ist.

„untragbar!“: Was die Ausstellung über Weiblichkeit und Gefühle erzählt

Der Titel der Ausstellung ist bewusst gewählt. „untragbar!“ beschreibt nicht nur Objekte, die sich nicht anziehen lassen. Er eröffnet auch einen gedanklichen Raum, in dem es um Gefühle, persönliche Grenzen und gesellschaftliche Erwartungen geht. Besonders spannend finde ich die sogenannten „Leibchen“ der Künstlerin. Eine Arbeit ist mit Federn gestaltet. Als Astrid Konradt-Bock es fertiggestellt hatte, fühlte sie sich nach eigener Aussage federleicht, frei und glücklich. Dieses Gefühl wollte sie sichtbar machen. Doch Gefühle sind nicht immer leicht. Es gibt Tage, an denen wir uns gereizt fühlen, lieber unsere Ruhe hätten und niemandem zu nahekommen lassen möchten. Für dieses Empfinden entwickelte sie ein Gegenstück mit nach außen weisenden Heftzwecken, die eine bewusst stachelige, abweisende Wirkung haben und zeigen: Wir müssen nicht immer für alle verfügbar sein. Wir dürfen auch Grenzen setzen.

Kinderkleidung als Kunst: Zwischen Erinnerungen, Verletzlichkeit und Schutz

Nicht alle Arbeiten der Ausstellung sind auf den ersten Blick so leicht und spielerisch. Einige beschäftigen sich mit einem deutlich ernsteren Thema: der Gefährdung von Kindern. Eine zarte Kleidsilhouette aus Tüll wirkt zunächst beinahe unschuldig. Doch die Künstlerin möchte dazu anregen, hinter die schöne Oberfläche zu schauen. Ein Riss im Stoff oder eine rote Spur können ganz alltägliche Ursachen haben. Gleichzeitig können solche Details Gedanken an Verletzlichkeit und mögliche Gefährdungen wecken. Astrid Konradt-Bock überlässt es den Betrachtenden, sich mit diesen Assoziationen auseinanderzusetzen. Ihre Arbeiten erklären nicht alles und geben keine fertigen Antworten. Sie laden vielmehr dazu ein, genauer hinzusehen und auch unbequeme Fragen zuzulassen.

Besonders berührt hat mich das Objekt aus einer alten Babygarnitur. Die kleine Jacke und das passende Mützchen fand die Künstlerin bei der Auflösung ihres Elternhauses. Sie selbst hatte diese Kleidung als Baby getragen. Für das Kunstobjekt befestigte sie alte Fotografien aus den 1950er-Jahren mit dem Nähgarn ihrer Mutter auf dem Kleidungsstück. Die Bilder zeigen sie als Baby auf dem Arm ihrer Mutter. Auf einem Foto trägt sie sogar genau dieses Mützchen. Die Garnitur hängt an einem Kinderbügel mit der Aufschrift „Fürs liebe Kind“. Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander: persönliche Erinnerungen, die Beziehung zur Mutter und die Vergänglichkeit der alten Fotografien. Es ist eine stille Arbeit, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Sie zeigt, wie eng Kunst mit unserem persönlichen Erleben verbunden sein kann – und wie ein einziges Kleidungsstück eine ganze Lebensgeschichte in sich tragen kann.

Warum diese Ausstellung zum Nachdenken anregt

Die Ausstellung macht deutlich: Kleidung begleitet uns durch unterschiedliche Lebensphasen. Sie kann Erinnerungen bewahren, unsere Persönlichkeit ausdrücken und uns helfen, uns in unserer Haut wohlzufühlen. Die Arbeiten von Astrid Konradt-Bock lenken den Blick auf genau diese persönliche Ebene. Sie zeigen, dass Kleidung nicht nur ein Gegenstand ist, sondern auch ein Stück Identität und Geschichte sein kann. Die Ausstellung erinnert daran, dass nicht alles neu sein muss, um wertvoll zu sein. Ein altes Wäschestück kann eine Geschichte erzählen. Verpackungspapier kann zum Kunstwerk werden. Und ein Objekt muss nicht praktisch sein, um etwas Wesentliches auszudrücken.

Ausstellung „untragbar!“ in Bielefeld: Ein Besuch, der nachwirkt

Astrid Konradt-Bock, 1956 in Büren in Westfalen geboren, lebt in Bielefeld. Sie studierte Kunstpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld und Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre langjährige Beschäftigung mit Kleidung, Papier und unterschiedlichen Materialien verbindet sich in der Ausstellung „untragbar!“ zu einem vielseitigen künstlerischen Kosmos.

Mich hat vor allem die Verbindung aus ästhetischer Leichtigkeit und persönlicher Tiefe beeindruckt. Was zunächst wie ein ungewöhnliches Spiel mit Formen und Materialien erscheint, entwickelt beim genaueren Hinsehen eine ganz eigene Kraft. „Untragbar!“ ist deshalb ein Titel, der neugierig macht. Denn was auf den ersten Blick nicht tragbar erscheint, kann im übertragenen Sinne erstaunlich viel Gewicht haben. Es kann Erinnerungen tragen, Gefühle sichtbar machen und den Blick für Themen öffnen, die Aufmerksamkeit verdienen.

Wer sich für Kunst, Mode und die Geschichten hinter den Dingen interessiert, sollte sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen.

© Ursel Braun, veröffentlicht am 31.10.2026 auf www.stylerebelles.com

Momente am Meer

Ausstellung von Astrid Konradt-Bock in der KF-Galerie Bielefel, 31.05. - 12.07.2026

Die Ausstellung „Momente am Meer“ von Astrid Konradt-Bock in der KF-Galerie Bielefeld widmet sich der malerischen Erforschung flüchtiger Wahrnehmungen von Wasser in seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Im Zentrum der präsentierten Aquarelle und Acrylbilder stehen visuelle Eindrücke, die aus unmittelbaren Seherlebnissen hervorgehen: spontane Beobachtungen, atmosphärische Lichtstimmungen und zufällige Entdeckungen, die sich im stetigen Wandel des Elements Wasser manifestieren.

Konradt-Bock greift dabei auf ein breites Spektrum an Inspirationsquellen zurück. Die von Gezeiten geprägten Farbspiele der Nordsee, das gleißende Licht mediterraner Küstenlandschaften oder die nächtlichen Spiegelungen künstlicher Beleuchtung in den Kanälen Venedigs bilden ebenso Ausgangspunkte wie die durch Wasserbewegung verzerrten Reflexionen von Bootsmasten und Tauen in südfranzösischen Häfen. Auch die markanten Gesteinsformationen der bretonischen Rosa-Granitküste treten in einen spannungsvollen Dialog mit den blaugrünen Nuancen des Meeres. In all diesen Motiven wird Wasser nicht nur als landschaftliches Element, sondern als dynamischer Bildträger von Licht, Farbe und Bewegung erfahrbar.

Ausgehend von gegenständlichen Beobachtungen entwickelt die Künstlerin eine zunehmend abstrahierende Bildsprache. Dieser Transformationsprozess zielt darauf ab, das Essenzielle der Wahrnehmung freizulegen und visuell zu verdichten. Dabei nutzt Konradt-Bock die spezifischen Möglichkeiten der eingesetzten Techniken differenziert aus: Während das Aquarell durch Transparenz, Leichtigkeit und fließende Übergänge besticht, erlaubt die Acrylmalerei kraftvolle, deckende Farbsetzungen und eine stärkere strukturelle Verdichtung. Das Wechselspiel dieser malerischen Mittel eröffnet ein breites Spektrum an Ausdrucksqualitäten – von zart nuancierten Farbschichten bis hin zu intensiven, körperhaften Kompositionen.

In der Verbindung von sinnlicher Wahrnehmung und künstlerischer Reduktion gelingt es Astrid Konradt-Bock, das Flüchtige des Augenblicks bildnerisch zu fixieren, ohne dessen Offenheit zu verlieren. Die Werke laden dazu ein, eigene Seherfahrungen zu reflektieren und sich auf die subtile Poesie des Wassers einzulassen. So entstehen Bildräume, die weniger konkrete Orte abbilden als vielmehr Stimmungen evozieren – „Momente am Meer“, die im Spannungsfeld zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion ihre nachhaltige Wirkung entfalten.

@ Henning Bock 2026

Sabine Ehlers

Aus der Einführungsrede zur Ausstellung „Von Fern und Nah“ im Arbeitsgericht Bielefeld am 15. März 2024

Sehr geehrte Gäste,

Sie sind heute hierhergekommen um gemeinsam mit dem Ehepaar Bock diese Ausstellung zu erleben. Ein Künstlerpaar stellt gemeinsam aus, das ist schon etwas Besonderes. Denn hier geht es nicht so sehr um Gemeinsamkeiten, sondern eher um die je eigenen Sichtweisen und daraus folgernd die Gestaltungsweisen. Über das je Eigene und über das doch auch Gemeinsame möchte ich heute hier versuchen Ihnen etwas zu erläutern: Schon der gewählte Titel der Ausstellung „Von Fern und Nah“ macht die zwei Positionen deutlich. Astrid steht für das Ferne und Henning für das Nahe.

(…)

Liebe Astrid, Du bist Malerin und dein Ausgang für die eigenen künstlerischen Arbeiten ist die Ferne: du siehst die Landschaften, die dich faszinieren und beeindrucken, das Meer und seine Küsten, ebenso wie das Watt. Aber auch die italienischen Landschaften und Bäume lassen dich genauer hinsehen. Du gehst mit Stiften, Aquarellfarben und Papier in die Landschaft und fertigst Skizzen und farbige Bilder an, um den Verlauf der Landschaft, ihre Räumlichkeit ihre Besonderheiten zu erfassen und zu verstehen. Auch dich beeindruckt die Natur und ihre Zusammenhänge, diese willst du möglichst genau verstehen und wahrnehmen. Aber auch dir geht es nicht um das exakte Wiedergeben der gesehenen Landschaft. Deine künstlerische Arbeit fängt im Atelier an. Die Naturskizzen sind das Ausgangsmaterial, welches dir als Vorlage für deine künstlerischen großen Acrylbilder dient. Nun kommt die eigene künstlerische Auseinandersetzung, und es geht um werkimmanente Gestaltungsprobleme, wie die räumliche Darstellung der Tiefe mittels Farben und Formen. Ebenso wichtig ist die Abstrahierung der Landschaftsvorgabe, welche Teile können reduziert werden um dadurch die Essenz, also die Wahrheit der Landschaft darzustellen. Wo gibt es eine Horizontlinie, die die Elemente trennt oder auch verbindet. Mit welchen Farben kann die Stimmung einer Landschaft, aber besonders auch das Gefühl dieser Landschaft gegenüber verdeutlicht werden. Die Fläche und die Linie, oft mit großer Geste erobern die Leinwand. Wobei Astrid gegenüber Henning die Möglichkeit zur Korrektur hat, eine Farbe oder Form kann übermalt werden, ein neuer Ansatz gefunden werden. Große Bäume füllen das Bildformat aus, bei einer älteren Serie, die hier gezeigt wird. Die Größe und das mächtige Volumen der Bäume sprengt das Bildformat und kräftige Farben zeigen die Lebendigkeit und Fülle des Lebens in diesen Bäumen.

Bei einigen Bildern können Sie eine schrundige Oberfläche der Erde erkennen, hier hat Astrid Pigmente und Erden in ihre Farben gemischt, um dadurch die Materialität des Grundes zu verdeutlichen und zu erhöhen. Sie werden aber auch großformatige, sehr zarte und besonders reduzierte Aquarelle sehen. Das besondere daran sind die sehr bewusst gesetzten wenigen Linien die wie ein Hauch eine Landschaft hervorzaubern. So ist auch bei Astrids Malerei die Natur der Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Sie beeindruckt uns durch die Reduktion der Formen und die Wahl der Farben, sodass wir in die vielseitigsten Landschaftsformationen eintauchen können.

Ja, und was verbindet diese Künstlerpaar? Natürlich das Sehen der Natur als Wegbereiter ihre jeweilen künstlerischen Arbeitsweisen. Die Achtung und Wertschätzung der sie umgebenden Natur öffnet ihre Kreativität und Freude an der Gestaltung eigener Werke. Dieses Tun ist für beide eine große, besondere Gabe, die sie und vor allem uns als Betrachter bereichert. Denn nur Astrid und Henning können diese Werke schaffen und uns heute hier präsentieren.

Denken Sie daran, die Arbeiten sind zu kaufen, damit sie zu Hause die tägliche Freude haben immer wieder anders mit dem jeweiligen Werk Zwiesprache zu halten. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Betrachten.

@ Sabine Ehlers 2024